Es ist kurz nach Mitternacht. Ich verlasse mein Haus und gehe die Straße bis zum Ende unseres kleinen Dorfes entlang. Die Straße läuft neben dem Waldrand. Zu meiner Linken kann ich nun in fast unendliche Ferne blicken. Kein Wunder, denn unser Dorf hier im Norden Finnlands liegt fast eineinhalb Stunden von der nächsten größeren Ortschaft entfernt. Zu meiner Rechten rauscht der Wald beruhigend leise und die Äste der Bäume winden sich im starken Schneefall. Bis auf das leise Rauschen des Waldes und das Geräusch, wenn die Schneeflocken sanft zur Erde gleiten, ist es fast komplett still. Ich merke, dass ich meinen Herzschlag spüren kann. Der Schnee knarzt unter meinen Stiefeln und bleibt an ihnen kleben. Ich bleibe stehen und gehe in die Hocke. Weiterhin stelle ich fest, dass sich um wunderbar festen Pappschnee handelt, und ich freue mich bereits jetzt auf die Schneemänner, die mich morgen früh von überallher begrüßen werden. Der Himmel sieht komplett schwarz aus, ich kann ihn aber nur wie durch einen leichten Schleier wahrnehmen, da er mir schier unaufhörliche Schneeflockenfluten entgegengeschickt. Manchmal verfolge ich einzelne Schneeflocken. Ich suche mir eine aus, von der ich glaube, dass sie noch relativ hoch ist und schaue ihr nach, bis sie auf die Erde auftrifft. Besonders spaßig ist das übrigens bei großen Schneeflocken, die aber alle den Nachteil haben, dass man auch entsprechend traurig ist, wenn sie schließlich den Boden berühren. Mein Blick fällt zum Waldrand. Es hat den Anschein, als würde es im Wald selbst überhaupt nicht schneien. Ich glaube, daran sind die dichten Baumkronen schuld, die so eng zusammenstehen, dass fast keine einzige Schneeflocke durchkommen kann. Mit einem Sprung überwinde ich den kleinen Graben, der Wald und Straße voneinander trennt. Einladend, wie ein gigantisches Tor steht der Wald vor mir. Sofort schlägt mir dieser unvergleichlich gute Geruch der frischen, fast süßen Waldluft in die Nase. Gerne nehme ich die Einladung des Waldes an und betrete ihn. Ich stelle fest das es hier doch vereinzelte Schneeflocken gibt, die von den mit Schnee überfüllten Baumkronen herabsinken. Auch der Boden ist mit einer Schicht aus Schnee bedeckt, auch wenn dieser hier bei weitem nicht so hoch liegt, wie außerhalb des Waldgebietes. Dafür lässt es sich bequem laufen, man kommt schnell und fast schon bequem voran. Einzelnen Bäumen streife ich über die Rinde und bin zufrieden, wenn ich das Gefühl habe, den Herzschlag des großen und kalten Wesens wahrnehmen zu können. Nur ein paar wenige Meter weiter, allerdings bin ich auch langsam gelaufen, komme ich an einen kleinen, zur Zeit jedoch komplett zugefrorenen Waldsee. Ein kleines Tier sitzt dort, noch bevor ich erkennen kann, worum es sich handelt, hat es mich bereits erkannt und flüchtet an das gegenüberliegende Ufer in die Dunkelheit. Ich muss grinsen ob der pfiffige Lebendigkeit des kleinen Tierchens. Ich liebe nun einmal den Wald und auch alle seine Bewohner. Ein ungutes Gefühl überkommt mich, als ich mich zum Gehen wende, mit dem Gefühl, einen guten Freund zurücklassen zu müssen. Natürlich weiß ich, dass das Unsinn ist und es fällt mir ein, dass dieser Freund hier auch ganz bestimmt auf mich warten wird. Als ich an den Waldrand gekommen bin, stelle ich fest, dass der Schneefall noch einmal heftig zugenommen hat. Mühsam stapfe ich durch den mittlerweile hohen Schnee, die Straße in unser Dorf und zurück zu meinem Haus entlang. An meiner Auffahrt angekommen, werfe ich noch einen Blick den Weg zum Wald hinunter. Der Wald winkt mir zu. Lächelnd winke ich zurück. Ich hoffe, dass er mich noch sehr viele Male zu sich einladen wird. Und ich hoffe, dass ich seiner Einladung in einer wundervollen Winternacht wie dieser nachkommen kann.